ABARTH 600e COMPETIZIONE

Die meisten Geschichten über Automobile beginnen mit einem detaillierten Datenblatt, mit Leistung, Drehmoment, Reichweite und all den anderen hübschen Zahlen, die in Pressemitteilungen mit einer Ernsthaftigkeit aufgereiht werden, als müsse man vor dem Kauf eines Autos zunächst eine Aufnahmeprüfung in angewandter Mathematik bestehen. Tja … und dann gibt es Automobile, bei denen nach wenigen Minuten etwas vollkommen Unvernünftiges passiert: man gibt ihnen einen Namen.

Darf ich vorstellen: ihr Name ist Lucy.

Warum? Schauen Sie ihr tief – ja, so richtig tief – in die wunderschönen Augen.

Diese großen, fast ein wenig unschuldig wirkenden Scheinwerfer besitzen nämlich etwas, das im modernen Automobildesign erstaunlich selten geworden ist: einen fast menschlichen Ausdruck. Während sich ringsherum offenbar eine ganze Branche darauf verständigt hat, dass ein sportliches Automobil grundsätzlich aussehen müsse, als hätte man ihm gerade die letzte Parklücke vor der Nase weggeschnappt, schaut Lucy neugierig in die Welt, beinahe freundlich sogar, und genau deshalb sollte man sich davor hüten, ihre Freundlichkeit mit Harmlosigkeit zu verwechseln; denn Lucy hat 280 PS.

Eine tiefgründige, elektrische Liebesgeschichte.

Mein Testwagen ist ein Abarth 600e Competizione in jener Farbe, die Abarth „Shock Orange“ nennt, was erfreulich ehrlich ist, denn „Pastell-Apricot der frühen Abendsonne“ wäre hier vermutlich auch marketingtechnisch schwer zu vermitteln gewesen. Dazu kommen schwarzes Dach, gewaltige 20-Zoll-Räder, Spoiler, Schweller, Lufteinlässe, graphische Elemente und ein sexy anmutendes Heck, das bereits im Stand den Eindruck vermittelt, als hätte jemand einen normalen Kleinwagen mehrere Wochen lang mit Espresso, Östrogenen und italienischen Motorsportvideos gefüttert.

Hach ja … und diese Augen … erwähnte ich schon, oder?

Lucy.

Irgendwann während unserer gemeinsamen Tage stellte ich mir deshalb eine Frage, die vermutlich in keinem standardisierten deutschen Automobiltest vorgesehen ist und möglicherweise auch erklärt, weshalb ich für solche Dinge nie besonders gut geeignet war (ich spreche von „normalen“ Testberichten):

Welcher Superheld würde dieses Auto fahren?

Batman können wir relativ schnell ausschließen, denn Orange dürfte selbst für einen Milliardär mit Fledermausfetisch eine schwierige Farbe sein, und außerdem stelle ich mir Bruce Wayne als jenen Mann vor, der beim Wort Frontantrieb kurz schweigt, Alfred ansieht und damit die gesamte Diskussion beendet.

Superman benötigt kein Auto, Hulk passt definitiv nicht hinein (wohl eher Bruce Banner in der schicken Farbe „Acid Green“), Aquaman würde vermutlich nach dem Umfang der Scheibenwaschanlage fragen und Wonder Woman wäre mir als Antwort schlicht zu naheliegend.

Also bleibt nur einer. Oder besser gesagt: unser eigener Superheld!

THE RED BLITZ.

Ein Held, der Geschwindigkeit nicht als Fortbewegung begreift, sondern als Aggregatzustand, dessen Welt aus Energie, Bewegung und roten Lichtspuren besteht und der deshalb eines Morgens vor Lucy stehen könnte, sie ansieht und zum ersten Mal in seinem Leben feststellen müsste, dass er ein technisches Problem hat: er hat sich verliebt.

Nicht in eine Frau. Nicht in einen Menschen. Sondern vielmehr in ein entzückendes, orangefarbenes Elektroauto mit hübschen Augen.

Ich gebe zu, dass dies selbst für MOJO MOTO eine gewisse romantische Eskalationsstufe darstellt, aber schauen wir uns die beiden doch einmal an.

Auf der einen Seite unser THE RED BLITZ, umgeben von elektrischer Energie, schnell, ein wenig verrückt wie wir und vermutlich für keine Versicherungsgesellschaft dieser Welt ein besonders angenehmer Kunde, auf der anderen Lucy, deren Elektromotor genau jene Eigenschaft besitzt, die zu ihm passt wie ein maßgeschneiderter Superheldenanzug.

Typisch Frau: Lucy wartet nicht gerne.

Beim Elektromotor gibt es keinen dramatischen Aufbau, kein tiefes Luftholen und kein „Moment, ich muss erst einmal Drehzahl finden“, denn 345 Newtonmeter stehen praktisch unmittelbar bereit, und wenn man das rechte Pedal entsprechend behandelt, bewegt sich Lucy mit einer Vehemenz nach vorne, die ihre niedlichen Augen binnen Sekunden in ein ausgesprochen raffiniertes Täuschungsmanöver verwandelt.

5,9 Sekunden von null auf hundert.

Das ist in einer Zeit, in der elektrische Limousinen mit der Beschleunigung ballistischer Raketen um Aufmerksamkeit buhlen, natürlich keine Zahl, wegen der sich die Erdrotation messbar verändert, doch Zahlen besitzen ohnehin diese unangenehme Eigenschaft, dass sie vollkommen unfähig sind, Proportionen und Gefühle zu verstehen.

Lucy ist kein zweieinhalb Tonnen schweres elektrisches Raumschiff, welches seinen Fahrer mittels 47 Displays darüber informiert, dass es gerade sehr schnell geworden ist. Man hört vielleicht keinen hochdrehenden Verbrennungsmotor mehr, aber man erlebt Geschwindigkeit noch immer in einem Raum, der klein genug geblieben ist, damit Geschwindigkeit nicht zur abstrakten Zahl auf einem Bildschirm verkommt.

Genau hier beginnt für mich die eigentliche Faszination dieses Autos, denn Abarth hätte es sich erheblich einfacher machen können.

Man hätte einen Fiat 600e nehmen, die Software etwas motivieren, ein paar Skorpione verteilen und anschließend eine Pressemitteilung verfassen können, in der mindestens fünfmal das Wort „DNA“ vorkommt – jene mysteriöse Substanz, die Automobilhersteller offenbar tonnenweise in ihren Marketingabteilungen lagern.

Stattdessen steckt im Abarth 600e Competizione tatsächlich bemerkenswerter Aufwand. Das Auto entstand mit Unterstützung von Stellantis Motorsport, seine Vorderachse bekam ein Torsen-Sperrdifferential, vorne arbeiten leistungsfähige Alcon-Monoblock-Bremsen, Michelin entwickelte spezielle Reifen für ihn, die Sitze stammen von Sabelt, und selbst die Kühlung des Batteriesystems musste sich mit der Frage beschäftigen, was passiert, wenn ein Besitzer die 280 Pferde nicht nur bestellt, sondern gelegentlich auch tatsächlich benutzt.

Diese technischen Merkmale gefallen mir sehr gut und erfüllen unsere hohen Ansprüche für die außergewöhnlichen Dinge im Leben. Dabei sind es nicht die Zahlen allein, es ist die Leidenschaft hinter dem Konstrukt.

Denn Sportlichkeit bedeutet für mich niemals einfach nur Geschwindigkeit, genauso wenig wie Luxus etwas mit dem Preis eines Gegenstandes zu tun haben muss und Schönheit nicht dadurch entsteht, dass irgendeine Fokusgruppe möglichst wenig daran auszusetzen hat. Wirklich interessante Dinge entstehen fast immer dort, wo jemand bereit war, eine Entscheidung zu treffen, obwohl eine andere Entscheidung vernünftiger, billiger oder massentauglicher gewesen wäre. Aber, genau das ist die Abarth-Philosophie: er musste noch nie jedem gefallen.

Gott sei Dank.

Wir leben ohnehin in einer Zeit, in der erstaunlich vieles versucht, möglichst niemandem unangenehm aufzufallen. Häuser werden grau, Hotels beige, Innenräume greige, Automobile wechseln zwischen Schwarz, Weiß und jenem Mausgrau, das vermutlich erfunden wurde, damit der Nachbar auf keinen Fall vermuten könnte, man habe Spaß an seinem Leben. Hoppla … und dann rollt Lucy um die Ecke.

Shock Orange.

Es ist fast schon gesellschaftlicher Widerstand auf vier Rädern. Man parkt Lucy nicht, man setzt ein Ausrufezeichen! Das ist auch der Grund, weshalb ich sie weiblich empfinde, wobei es mir dabei überhaupt nicht um irgendwelche antiquierten Vorstellungen davon geht, wie ein „Frauenauto“ auszusehen hätte, sondern um etwas viel Interessanteres: Lucy besitzt gleichzeitig Schönheit und Kraft, Verspieltheit und Ernsthaftigkeit, ein freundliches Gesicht und eine ziemlich klare Vorstellung davon, was passiert, wenn jemand das rechte Pedal durchdrückt.

Sie muss ihre Stärke nicht dadurch beweisen, dass sie böse dreinschaut.

Lucy besitzt diese Stärke.

Das wiederum führt uns zu unserer THE RED BLITZ-Superheldin, denn natürlich machte ich beim Nachdenken über diese Geschichte denselben Fehler, den Geschichten seit Jahrzehnten machen: Ich stellte mir zunächst einen Mann vor.

Warum eigentlich?

Vielleicht gehört Lucy genauso gut ihr. Vielleicht steht eines Abends nicht unser männlicher THE RED BLITZ vor ihr, sondern eine Frau in Schwarz und Rot, elektrische Entladungen laufen über ihren Anzug, die Stadt spiegelt sich im nassen Asphalt, sie betrachtet Lucy für einen Moment, Lucy betrachtet zurück – jedenfalls bilde ich mir das bei diesen Scheinwerfern ein – und beide wissen im selbem Augenblick, dass hier keine lange Diskussion über Rollenverteilungen notwendig sein wird.

Power has no gender.

Dieser Satz gefällt mir deshalb so gut, weil er nicht versucht, aus Lucy eine politische Botschaft zu machen. Er beschreibt schlicht das Auto.

Kraft besitzt kein Geschlecht, Ästhetik ebenso wenig, Geschwindigkeit schon gar nicht, und wer noch immer glaubt, ein sportlicher Abarth müsse ein Spielzeug für Männer sein, darf gerne einmal beobachten, wer sich nach einem auffälligen, schönen Auto auf der Straße tatsächlich umdreht. Vermutlich mehr Menschen, als manche Marketingabteilung in ihren Zielgruppenclustern vorgesehen hat.

Der Elefant an der Ladesäule.

Lucy fährt elektrisch.

54 kWh Batterie, bis zu rund 330 Kilometer WLTP-Reichweite je nach Konfiguration, maximal 100 kW DC-Ladeleistung, Frontantrieb und elektronisch begrenzte 200 km/h – womit wir an jenem Punkt angekommen wären, an dem sich Deutschland gewöhnlich in zwei ungefähr gleich schlecht gelaunte Lager aufteilt.

Die einen erklären einem, das Elektroauto werde den Planeten retten, während die anderen überzeugt sind, dass spätestens mit dem Verschwinden des Auspuffs auch Goethe, das Abendland und vermutlich der Sonntagsbraten gefährdet seien. Jedoch interessieren mich beide Religionen nicht sonderlich…

Denn ich möchte zunächst wissen, ob ein Auto – oder ein Produkt, egal, welcher Gattung – etwas in mir auslöst. Das ist für mich die viel spannendere Frage, und vielleicht sogar diejenige, die wir bei all unseren Diskussionen über Mobilität irgendwann vergessen haben.

Wir reden über Effizienzklassen, Plattformstrategien, Ladegeschwindigkeiten, CO₂-Bilanzen, Softwarearchitekturen, Restwerte, Förderprogramme und regulatorische Zielvorgaben, bis das Automobil irgendwann nur noch als bewegliche Tabelle vor uns steht, während jenes kleine, vollkommen irrationale Gefühl verschwindet, wegen dessen viele von uns sich als Kinder auf den Rücksitz eines Autos gesetzt und aus dem Fenster geschaut haben, überzeugt davon, dass hinter der nächsten Kurve eine vollkommen neue Welt beginnen könnte.

Ein Auto war einmal ein großartiges Versprechen.

Es bedeutete Freiheit, Reise, Geschwindigkeit, Flucht, Heimkehr, Abenteuer und manchmal einfach nur die Möglichkeit, nachts um elf noch irgendwohin zu fahren, weil man gerade nicht dort bleiben wollte, wo man war.

Natürlich war das romantisch. Nur … seit wann ist Romantik eigentlich ein Fehler?

Vielleicht liegt genau darin die Aufgabe von Automobilen wie Lucy: uns daran zu erinnern, dass eine neue Antriebsform nicht zwangsläufig eine neue Gefühllosigkeit bedeuten muss.

Ich werde deshalb an dieser Stelle auch nicht versuchen, die große Frage nach der Elektromobilität zu beantworten, denn dafür verdient sie einen eigenen Text, in dem wir über Rohstoffe, Infrastruktur, Energie, Politik, Alltag, Ideologie und all jene wundervollen deutschen Diskussionen sprechen können, bei denen spätestens nach sieben Minuten jemand mit einem Taschenrechner erscheint.

Heute geht es nur um Lucy.

Und Lucy hat mir etwas gezeigt, das ich wichtiger finde als jede Glaubensfrage über ihren Antrieb:

Charakter kann elektrisch sein.

Das mag banal klingen, ist es aber nicht, denn viele Elektroautos wurden in den vergangenen Jahren mit einer beinahe religiösen Ehrfurcht vor dem Wort „Zukunft“ gestaltet, als müsse Zukunft zwangsläufig kühl, glatt, reduziert und ein bisschen steril aussehen.

Abarth hat das Gegenteil getan: sie haben einen Skorpion unter Strom gesetzt.

Selbstverständlich gibt es Dinge, die man diskutieren kann (etwas anderes erwarte ich in diesem Land auch gar nicht mehr). Eine maximale DC-Ladeleistung von 100 kW wird im Jahr 2026 niemanden dazu bringen, ehrfürchtig vor einer Ladesäule niederzuknien, die Reichweite macht Lucy nicht zur bevorzugten Begleiterin eines Handelsvertreters, der morgens Hamburg und abends Mailand auf dem Terminplan stehen hat, und wer elektrische Beschleunigungsrekorde sammeln möchte, findet anderswo Fahrzeuge, die einem beim Ampelstart vermutlich kurzfristig die Netzhaut neu sortieren.

Doch all diese Einwände haben mit der Frage, warum man sich in ein Auto verliebt, erstaunlich wenig zu tun. Niemand hat sich jemals in einen Menschen verliebt, weil dessen Excel-Tabelle fehlerfrei war … zumindest hoffe ich das.

Wir lieben Ecken, Eigenarten, Widersprüche und manchmal sogar jene kleinen Schwächen, die ein Gegenüber erst unverwechselbar machen, und vielleicht darf man Automobile gelegentlich mit derselben Großzügigkeit betrachten.

Lucy muss nicht das beste Elektroauto der Welt sein. 

Sie muss einfach nur der beste Abarth sein.

Genau dort wird die Geschichte für mich beinahe philosophisch – wer mich kennt, weiß, dass ich Philosophie liebe –, denn Individualität entsteht niemals dadurch, alles zu können. Individualität entsteht durch Auswahl, durch Haltung und manchmal durch die bewusste Entscheidung, etwas nicht allen recht machen zu wollen.

MOJO MOTO basiert im Grunde auf demselben Gedanken. 

Wir interessieren uns nicht für Perfektion im Sinne makelloser Tabellen.

Wir interessieren uns für jene andere Perfektion, die entsteht, wenn Form, Idee, Handwerk und Gefühl für einen kurzen Augenblick zusammenfinden und etwas hervorbringen, das einen Menschen dazu bringt, stehenzubleiben, genauer hinzusehen und vielleicht sogar etwas zu fühlen.

Lucy hat das geschafft.

Ich habe ihre Eigenheiten kennengelernt und irgendwann war sie eben nicht mehr „der Abarth 600e Competizione“.

Sie wurde zu meiner Lucy.

Das ist das größte Kompliment, welches ich einem Testwagen unterbreiten kann, denn Namen gibt man nicht den Dingen, die einem gleichgültig sind; man gibt sie Dingen mit Seele und Leidenschaft.

Wenn unsere Geschichte irgendwann am Abend endet, die Sonne hinter der Stadt verschwindet, rotes Licht über den nassen Asphalt glitzernd verläuft und Lucy dort in ihrem vollkommen unvernünftigen Shock Orange steht, dann brauche ich eigentlich keine weitere Erklärung dafür, was Abarth hier erschaffen hat.

Ich sehe nur diese großen Augen, den kleinen Skorpion, 280 elektrische Pferde und ein Auto, das offenbar beschlossen hat, dass die Zukunft ruhig vernünftig werden darf, solange niemand verlangt, dass sie dabei langweilig aussieht.

Unser Superheld öffnet die Tür, setzt sich hinein, Lucy erwacht, irgendwo tief in ihrem elektrischen Nervensystem warten 345 Newtonmeter auf den nächsten Gedanken des rechten Fußes, und während draußen die ersten roten Lichtspuren über den Asphalt ziehen, bleibt nur noch eine einzige Frage:

Wer von den beiden gibt hier eigentlich wem Strom?

Vielleicht ist genau das Liebe…

abarth.de

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