PORSCHE 911 GT3 S/C

Es gibt Unternehmen, die erfinden sich alle paar Jahre neu. Neues Logo. Neue Designsprache. Neue Philosophie. Neue Marketingkampagne. Spätestens nach drei Pressemitteilungen weiß niemand mehr so genau, wofür die Marke ursprünglich einmal stand, dafür aber ziemlich genau, wer gerade die Agentur gewechselt hat.

Nun ja … und dann gibt es Porsche.

Ich bin übrigens bis heute fest davon überzeugt, dass Porsche in Wahrheit überhaupt keine Designer beschäftigt. Die Jungs und Mädels verstecken einfach seit 1963 denselben Mann im Keller von Zuffenhausen, geben ihm alle paar Jahre einen neuen Bleistift, einen frischen Radiergummi und fragen höflich, ob er vielleicht noch eine Idee für den nächsten 911er hätte.

Drei Monate später kommt er wieder nach oben, legt schweigend eine Zeichnung auf den Tisch und sämtliche Vorstandsmitglieder nicken anerkennend: “Wow! Perfekt. Genau wie der letzte.”

Der Mann verschwindet anschließend wieder im Keller. Bis zum nächsten Modell.

Ich liebe und genieße diese bildliche Vorstellung.

Die Kunst, nicht modern sein zu wollen.

Heute spricht jeder von Innovation. Von Disruption. Von einer neuen geheimnisvoll-nachhaltigen Designsprache.

Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn ich dieses Wort höre. Designsprache. Als würden Autos nachts heimlich Vokabeln pauken und sich morgens darüber unterhalten, wer die schönste Kühlergrill-Grammatik besitzt.

Der Porsche 911 macht da nicht mit. Er hat sich nie dafür interessiert. Seit über sechzig Jahren steht er da, schaut freundlich in die Welt hinaus und scheint sich insgeheim zu denken: “Pffff … ändert ihr ruhig alles. Ich warte einfach.”

Das ist bemerkenswert, denn Beständigkeit wird häufig mit Stillstand verwechselt. Dabei ist das genaue Gegenteil der Fall.

Nichts ist schwieriger, als etwas immer weiter zu perfektionieren, ohne seinen wahren Charakter – und letzten Endes seine Persönlichkeit – zu verlieren.

Ein Gesicht, welches man sofort erkennt.

Versuchen Sie einmal folgendes Experiment: Zeichnen Sie einen Ferrari. Danach einen Lamborghini. Nun einen McLaren.

Gar nicht so einfach, nicht wahr?!

Versuchen Sie es anschließend mit einem Porsche 911.

Ich wette mit Ihnen um eine gute italienische Pizza aus Sant’Agata Bolognese, dass selbst Menschen, deren zeichnerisches Talent irgendwo zwischen explodierter Kartoffel und seekrankem Pinguin angesiedelt ist, nach wenigen Strichen sagen werden: “Das soll ein Elfer sein.”

Mehr Auszeichnung braucht ein Designer eigentlich nicht. Oder eben jener geheimnisvolle Herr im Keller.

Der GT3 spricht keine großen Worte.

Es gibt Sportwagen, die möchten beeindrucken: Sie schreien. Sie fauchen. Sie posieren vor Straßencafés wie spätpubertierende Bodybuilder im schweißgetränkten Muskelshirt (ohne nennenswerte Muckis).

Der GT3 gehört erfreulicherweise nicht dazu.

Er weiß ziemlich genau, was er kann. Genau deshalb muss er es niemandem ständig erzählen.

Mich erinnert das ein wenig an ältere Kampfsportmeister. Die ruhigen. Jene Männer, die niemanden einschüchtern möchten, weil sie es schlicht nicht nötig haben. Sie betreten den Raum, lächeln freundlich und bestellen sich erst einmal höflich einen heimeligen Matcha-Tee.

Erst wenn jemand auf die ausgesprochen unglückliche Idee kommt, ihre Gelassenheit mit Schwäche zu verwechseln, wird die Angelegenheit für gewöhnlich etwas kürzer.

Tja, der GT3 besitzt genau diese Ausstrahlung.

Die schönsten Kurven der Welt.

Wissen Sie eigentlich, welche Kurven mir am Porsche 911 am besten gefallen? Nein? Na, dann packe ich mal ganz unverhohlen aus!

Nicht jene auf der Nordschleife, auch nicht irgendeine Spitzkehre in den Alpen.

Es sind die Dach- und die Po-Linie. Dieses Popöchen lässt mich jedes Mal in eine völlig andere Welt davon schweben – so schön ist es (neben dem Popöchen meiner Partnerin); und das seit Jahrzehnten.

Die Kurven dieses ästhetischen Sportwagens gehören zu den wenigen Dingen auf dieser Welt, die offenbar völlig immun gegen Modetrends geworden sind. Andere Hersteller zeichnen Kanten, Falten, Sicken und Luftschlitze in ihre Fahrzeuge, als müssten sie dringend beweisen, dass ihre Designer den Geodreieckführerschein bestanden haben.

Porsche zeichnet einfach: einen Elfer.

Manchmal frage ich mich sogar, ob die Bleistifte in Zuffenhausen überhaupt Spitzen besitzen oder ob sie ausschließlich Bögen zeichnen dürfen.

Ein Auto für Menschen, die einfach nur schnell sein möchten.

Natürlich könnte ich Ihnen jetzt erzählen, wie viel Leistung der GT3 besitzt, wie schnell er beschleunigt oder welche Rundenzeiten er auf irgendeiner Rennstrecke erreicht. Das können andere Fachpublikationen deutlich besser.

Mich interessiert ohnehin etwas ganz anderes: wie muss sich ein Mensch fühlen, der morgens die Garage öffnet, den Schlüssel in die Hand nimmt und genau weiß, dass vor ihm kein Computer auf Rädern steht, sondern ein Sportwagen, der seit Generationen denselben Traum verfolgt?

Nicht der Schnellste zu sein. Nicht der Lauteste. Immer der ehrlichste.

Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis des 911ers.

Er versucht nicht, jemand anderes zu werden. Er versucht lediglich, jeden Tag ein klein wenig besser Porsche zu sein. Eine Haltung, von der sich heutzutage übrigens nicht nur einige Automobilhersteller eine ordentliche Scheibe abschneiden könnten, aber wir wollen hier ja nicht ins politische Weltgeschehen eingreifen.

Es gibt Autos, die beeindrucken.

Es gibt Autos, die faszinieren. Und dann gibt es jene wenigen, die einen über Jahrzehnte begleiten, obwohl man sie vielleicht nie besessen hat.

Der Porsche 911 GT3 gehört für mich genau in diese Kategorie.

Nicht, weil er perfekt wäre. Sondern, weil er uns daran erinnert, dass wahre Größe über Jahrzehnte hinweg manchmal erstaunlich ähnlich aussieht.

Kleine Randnotiz: falls Sie irgendwann einmal Zuffenhausen besuchen sollten, achten Sie bitte auf eine unscheinbare Kellertür. Sollten Sie dahinter leises Bleistiftkratzen hören, gehen Sie einfach weiter.

Manche Legenden sollte man besser nicht stören.

porsche.com

You May Also Like