THE GARAGE

Es ist spät geworden. Draußen fällt der Regen auf den Asphalt. Irgendwo leuchtet noch eine Reklame, ein Auto zieht durch die nasse Straße und für einen kurzen Moment wandert sein Licht über die Wände.

Dann ist es wieder still. In der Garage steht ein Motorrad. Der Motor ist längst kalt. Der Helm liegt auf dem Boden, die Handschuhe daneben. Vielleicht war es eine lange Fahrt. Vielleicht auch nur der Weg nach Hause.

Eigentlich ist eine Garage ein ziemlich unspektakulärer Ort.

Vier Wände. Ein Tor. Ein Dach.

Für Menschen, die Motorräder lieben, ist sie trotzdem manchmal viel mehr. Sie ist der Ort, an dem eine Reise beginnt, lange bevor sich das Tor öffnet. An dem wir an einem Sonntagmorgen vor einer Maschine stehen, einen Kaffee in der Hand halten und überlegen, wohin wir heute fahren könnten. Und dann erst einmal eine halbe Stunde lang gar nichts tun. Außer schauen.

Motorradfahrer verstehen das.

Andere Menschen sehen ein Motorrad und denken: Motorrad.

Wir sehen es an und erinnern uns an eine Straße. An eine Kurve. An diesen einen verdammten Regenschauer, der laut Wetter-App selbstverständlich überhaupt nicht existieren dürfte. Wir erinnern uns an Menschen, die wir unterwegs getroffen haben. Und manchmal auch an Menschen, die nicht mehr mit uns fahren können.

Vielleicht sind Garagen deshalb besondere Orte. Hier stehen nicht einfach Maschinen.

Hier stehen Erinnerungen auf zwei Rädern.

Kleine Kratzer erzählen von großen Reisen. Eine Delle erinnert an einen Moment, über den man heute lachen kann – was unmittelbar nach Entstehung der Delle noch deutlich schwieriger war. Und irgendwo in einer Schublade liegt garantiert eine Schraube. Niemand weiß, woher sie kommt. Aber wegwerfen? Auf gar keinen Fall. Sie könnte wichtig sein.

Vielleicht liegt genau darin die Schönheit dieser Orte.

Eine Garage muss nicht perfekt sein. Sie darf nach Öl riechen. Nach Metall. Nach Leder. Sie darf Spuren tragen. Denn während unsere Welt immer schneller wird und ständig etwas Neues von uns verlangt, gibt es hier einen kleinen Raum, in dem niemand etwas möchte.

Hier darf man einfach sein. Manchmal mit einem Schraubenschlüssel in der Hand. Manchmal mit einem Kaffee. Manchmal sitzt man einfach nur da und betrachtet die Maschine, die einen schon so viele Kilometer durch das Leben getragen hat. Bis irgendwann das Licht ausgeht.

Das Tor schließt sich. Und alles wird still.

Morgen wartet wieder eine Straße. Aber heute Nacht darf sie schlafen.

Die Maschine … und vielleicht auch ein bisschen wir.