GODZILLA

Es gibt Wesen, über die glaubt man bereits alles zu wissen. Sie erscheinen aus dem Meer. Sie zerstören Tokio. Sie liefern sich Kämpfe mit Kreaturen, deren Namen man spätestens nach dem dritten Bier ohnehin wieder vergisst. Anschließend verschwinden sie wieder im Ozean, bis irgendein Filmstudio entscheidet, dass es Zeit für den nächsten Weltuntergang geworden ist.

Und dennoch blieb über Jahrzehnte eine bemerkenswerte Frage unbeantwortet.

Hat eigentlich jemals jemand Godzilla selbst gefragt?

Nicht Wissenschaftler.
Nicht Militärs.
Nicht Politiker.

Einfach nur ein neugieriges Magazin wie das unsere.

Also haben wir es versucht. Und: er erschien erstaunlich pünktlich.

Godzilla. Der höflichste Zerstörer Japans.

MOJO MOTO:

Lieber Herr Godzilla – oder dürfen wir einfach Godzilla sagen?

Godzilla:

Sehr gern sogar. Ehrlich gesagt verstehe ich dieses ständige ‚König der Monster‘ ohnehin nicht. Wissen Sie, wie unangenehm das ist? Stellen Sie sich vor, Sie gehen morgens Brötchen holen und alle nennen Sie nur noch ‚Majestät‘. Irgendwann möchten Sie einfach nur wieder ein normaler Echsenmann sein.

MOJO MOTO:

Seit mehr als siebzig Jahren gelten Sie als Inbegriff der Zerstörung. Empfinden Sie dieses Image als gerecht?

Godzilla:

Keineswegs! Die Menschen besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie bauen ihre Städte direkt dort, wo ich gelegentlich spazieren gehe, und wundern sich anschließend über schlechte Infrastruktur.

Wenn ich einen Wald durchquere, nennt man das Wandern. Wenn ich durch Tokio laufe, nennt man es Katastrophe. Das erscheint mir ehrlich gesagt etwas einseitig.

MOJO MOTO:

Sie zerstören erstaunlich häufig Tokio. Gibt es dafür einen besonderen Grund?

Godzilla:

Natürlich. Ich kenne den Weg.

Außerdem möchte ich ungern ständig neue Städte kennenlernen. Das wäre unhöflich. Tokio weiß inzwischen, wie wir miteinander umgehen.

MOJO MOTO:

Sie wirken auf viele Menschen furchteinflößend. Gleichzeitig gibt es Millionen Fans, die Sie lieben. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Godzilla:

Menschen lieben Ehrlichkeit. Ich verstecke nicht, wer ich bin.

Ich lächle nicht auf Pressekonferenzen, um anschließend irgendwo hinter verschlossenen Türen das Gegenteil zu tun. Wenn ich schlechte Laune habe, sieht man das sofort.

Vielleicht wirkt das inzwischen fast sympathisch.

MOJO MOTO:

Man sagt, Sie seien ein Monster. Würden Sie sich selbst so beschreiben?

Godzilla:

Nein.

Ein Monster erkennt man selten an den Zähnen. 

Meist erkennt man es an Entscheidungen.

MOJO MOTO:

Gab es jemals einen Moment, in dem Sie dachten: Heute lasse ich Tokio einfach einmal stehen.

Godzilla:

Mehrfach. Doch dann tauchte wieder irgendein dreiköpfiger Kollege aus dem Weltall auf und ruinierte den Nachmittag.

MOJO MOTO:

Sie wirken erstaunlich gelassen.

Godzilla:

Mit über siebzig Jahren entwickelt man eine gewisse Ruhe.

Außerdem ist Wut unglaublich anstrengend.

Versuchen Sie einmal, dauerhaft radioaktiv zu sein.

MOJO MOTO:

In MOJO MOTO sprechen wir oft über Ästhetik. Kann ein Wesen wie Sie Schönheit überhaupt wahrnehmen?

Godzilla:

Natürlich.

Ich liebe Sonnenaufgänge über dem Pazifik. Alte japanische Tempel. Den Klang des Regens auf dem Meer.

Und Menschen, die etwas erschaffen, obwohl sie genau wissen, dass es irgendwann wieder verschwindet.

Vielleicht verstehen wir uns deshalb besser, als viele glauben.

MOJO MOTO:

Gibt es etwas, das Menschen völlig falsch über Sie verstehen?

Godzilla:

Sie glauben, Größe bedeute Macht.

Dabei bedeutet Größe vor allem Rückenschmerzen.

MOJO MOTO:

Worüber müssen Sie selbst lachen?

Godzilla:

Jedes Mal, wenn das Militär glaubt, diesmal hätte es wirklich einen Plan.

MOJO MOTO:

Wenn Sie einem jungen Menschen nur einen einzigen Rat geben dürften – welcher wäre das?

Godzilla:

Hör auf, ständig größer wirken zu wollen; werde lieber schwer zu vergessen.

Das hält deutlich länger.

MOJO MOTO:

Und zum Abschluss…

Wenn Sie heute noch einmal ganz von vorne beginnen könnten – würden Sie irgendetwas anders machen?

Godzilla:

Er schaut lange hinaus aufs Meer.

Vielleicht… würde ich einfach einmal klingeln.

Nachwort

Als Godzilla das Gebäude verließ, blieb unser Redaktionsgebäude erstaunlicherweise unversehrt. Nicht, weil er plötzlich kleiner geworden wäre. Wohl eher, weil wir ihm zum ersten Mal nicht mit Raketen begegnet sind, sondern mit einer einfachen Tasse Milchkaffee mit Zucker und zwölf ehrlichen Fragen.

Möglicherweise liegt genau darin eine Erkenntnis, die weit über Japan hinausreicht:

Nicht jedes Wesen, vor dem wir Angst haben, möchte kämpfen.

Manche wünschen sich lediglich, endlich einmal verstanden zu werden.