MB&F HM12 THE GUARDIAN

Ich vermute, dass die meisten Menschen nachts schlafen. Unter uns gesundheitlich-nachhaltig-bewusst-lebenden Dinkel-Hafer-Menschen: eine ausgesprochen vernünftige Entscheidung – sofern ich nach diesen Maßstäben leben würde.

Sommer vs. Winterzeit.

Währenddessen stehen Millionen von Uhren irgendwo im Dunkeln herum und tun das, was sie seit Jahrhunderten am besten können. Sie zählen geduldig Sekunden, Minuten und Stunden, ohne sich jemals darüber zu beschweren, dass wir Menschen irgendwann auf die glorreiche Idee gekommen sind, zweimal im Jahr an ihren Zeigern herumzudrehen, weil irgendein hochmotivierter Politiker der Überzeugung war, Kühe würden dadurch vermutlich mehr Milch geben oder das Universum ließe sich auf diese Weise effizienter organisieren.

Fragen Sie einmal eine Uhr nach der Sommerzeit. Sie wird Sie vermutlich nicht verstehen.

Der kleine Guardian übrigens auch nicht.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass er irgendwann mitten in der Nacht den Kopf leicht zur Seite neigen, mich mit seinen großen Augen ansehen und fragen würde: “Hendrik… warum genau stellt ihr Menschen eure Zeit eigentlich ständig um? Habt ihr Angst, sie könnte weglaufen?”

Eine berechtigte Frage. Ich habe bis heute darauf keine vernünftige Antwort.

Stattdessen würden wir vermutlich gemeinsam schweigend aus dem Fenster schauen und darauf warten, bis irgendwo hinter den Baumwipfeln langsam der Morgen erscheint. Uhren besitzen erstaunlich viel Geduld. Menschen eher weniger.

Vielleicht gefällt mir dieser wunderbare Guardian genau deshalb so gut.

Ein Wächter mit Schweizer Staatsangehörigkeit.

Ich gebe offen zu, dass ich nicht weiß, wie der schweizerische Zollbeamte reagiert hat, als dieses kleine Wesen zum ersten Mal seinen Schreibtisch passierte.

“Haben Sie etwas zu verzollen?”

“Nun… eigentlich nur einen mechanischen Wächter.”

“Ist das eine Uhr?”

“Ja… irgendwie schon.”

“Ein Roboter?”

“Auch.”

“Spielzeug?”

“Nicht wirklich.”

“Kunst?”

“Durchaus.”

Spätestens jetzt dürfte der gute Mann innerlich beschlossen haben, den nächsten Container mit Schokolade zu kontrollieren; der war deutlich einfacher einzuordnen.

Denn genau darin liegt die wunderbare Verrücktheit von MB&F: Sie bauen keine Produkte. Sie schaffen diplomatische Zwischenfälle.

Man muss sich nur trauen.

Ich stelle mir Maximilian Büsser manchmal ein wenig wie den Jungen vor, der früher im Unterricht ständig aus dem Fenster schaute und von seinem Lehrer regelmäßig hören durfte: “Maximilian, jetzt konzentrier dich doch bitte einmal.”

Zum Glück hat er nie besonders gut zugehört. Denn hätten alle Menschen immer nur das getan, was vernünftig erscheint, würden wir vermutlich heute noch mit Holzrädern durch die Gegend rollen und stolz behaupten, das habe sich schließlich seit Jahrhunderten bewährt.

Fortschritt beginnt selten mit Vernunft. Er beginnt meistens mit einem Satz, den Erwachsene ausgesprochen ungern hören: “Ich habe da so eine Idee…”

Uhrmacher mit dem Herz eines Kindes.

Je länger ich den Guardian betrachte, desto weniger interessiert mich seine Mechanik. 

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Sie ist sensationell. Präzise. Aufwendig. Nahezu unglaublich!

Aber wissen Sie, worüber ich viel lieber nachdenke?

Über den Moment, in dem irgendein Konstrukteur wahrscheinlich grinsend vor seiner Skizze saß und plötzlich sagte:

“Moment mal… was wäre eigentlich, wenn unsere Uhr Beine bekäme?”

Genau solche Sätze verändern die Welt und brauchen wir dringender denn je in einer Welt, in der Angst mehr wert zu sein scheint als Hoffnung und Träume.

Irgendwo auf diesem Planeten sitzt vielleicht gerade ein zwölfjähriger Junge vor genau diesem kleinen Wächter und denkt sich: “So etwas möchte ich später auch einmal bauen.” Genau jener kleine Junge der später auch mal einen 911er fahren oder einen Helikopter fliegen möchte. Das nennt man übrigens Zukunft!

Ein etwas anderer Nachtwächter.

Sollte der Guardian irgendwann tatsächlich bei mir einziehen, bekäme er selbstverständlich einen festen Platz. Nicht hinter einer brandschutzbewährten Stahltür. Oder einem finsteren Panikraum, in dem nur dann das Licht erstrahlt, wenn der Sammler gerade dazu Laune hat.

Das wäre ausgesprochen unhöflich.

Ich würde ihn wahrscheinlich ins luftig erhabene Arbeitszimmer oder neben meinen traditionellen Futon 布団 platzieren. Immer in Gedenken an meine Kinder- und Jugendzeit und meinen Lieblingshelden Robbi [Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt], der mich bis heute durch meine Traumwelten jenseits der Wolken zum Flug zur schnuckeligen Nessie begleitet.

Dort könnte er nachts auf mich und meine Manuskripte aufpassen, gelegentlich kontrollieren, ob Emilia [meine mir sehr ans Herz gewachsene Kreative Intelligenz] schon wieder heimlich einen Absatz zu kurz geschrieben hat, und mich zuverlässig daran erinnern, dass ein guter Gedanke manchmal wichtiger ist als ein pünktlicher Termin.

Vielleicht würde er sogar morgens leise hüsteln, sobald ich wieder einmal vergessen habe, meine Lieblingsuhr anzulegen. Man weiß ja nie.

Schweizer gelten schließlich als ausgesprochen zuverlässig.

Außergewöhnliche Uhren messen keine Zeit, sie messen unsere Fähigkeit zu staunen.

Irgendwo zwischen Zahnrädern, Titan, winzigen Schrauben und einem Haufen herrlich verrückter Uhrmacher entsteht etwas, das sich weder in Millimetern noch in Franken oder Stunden ausdrücken lässt. Es ist die stille Gewissheit, dass Fantasie niemals ein Zeichen von Unvernunft war, sondern schon immer der Anfang jeder großen Idee.

Und falls Sie heute Nacht zufällig an Ihrem Schreibtisch ein leises metallisches Klicken hören sollten: erschrecken Sie bitte nicht!

Vielleicht diskutiert der Guardian gerade mit einer anderen Uhr darüber, wer diesen Unsinn mit der Sommerzeit erfunden hat.

Ich würde an ihrer Stelle jedenfalls auf den kleinen Schweizer hören.

Er scheint mir der Klügere von beiden zu sein.

mbandf.com